Ivona Dadic: „ … und dann kracht’s!“

Das folgende Interview mit Österreichs Jahresweltranglistenersten und nunmehrigen „Sportlerin des Jahres“ erschien erstmals im vergangenen September im Magazin „News“

Siebenkämpferin Ivona Dadic (26) zählt zu Österreichs Medaillenhoffnungen für die auf 2021 verschobenen Olympischen Spiele in Tokio. Dazu ist die Oberösterreicherin ein aktuell schwer angesagter Instagram-Star – und für nicht wenige Role Model in Sachen positives Denken.

Interview: Fritz Hutter

Am Tag vor Erscheinen dieser Ausgabe wären in Tokio die Siebenkampfmedaillen vergeben worden. Traurig, dass die Olympischen Spiele 2020 nun voraussichtlich erst in einem Jahr steigen können?

In letzter Zeit habe ich schon öfter daran gedacht, dass es bald losgegangen wäre. Aber nach meiner Oberschenkelverletzung bei der WM im vergangenen Herbst ist mir ja einige Trainingszeit verloren gegangen. So gesehen bleibt mir jetzt mehr Vorbereitung, um mir dann meinen Traum von der Medaille zu erfüllen. Insgesamt ist dieses Jahr richtig entscheidend fürs kommende. Jene, die heuer voll durchziehen, werden 2021 im Kampf ums Stockerl im Vorteil sein. In Österreich haben wir das trotz Corona mit vielen kompakten Wettkämpfen gut hinbekommen, meine Situation sehe ich deshalb sehr positiv.  

Gedankenexperiment: Wenn man die Spiele nun doch wie geplant durchziehen würde, wären Sie für den vielleicht wichtigsten Wettkampf Ihrer Karriere trotzdem bereits fit genug?

Ich wäre ready! Müsste ich schon jetzt ran, dann weiß ich, dass ich gut wäre. Ich war körperlich noch nie in einer derart starken Verfassung wie heuer. Dazu hat sich meine Technik weiterentwickelt und stabilisiert.

Woran, außer an Ergebnissen wie dem Sieg beim Ein-Stunden-Siebenkampf neulich in Amstetten, merken Sie das noch?

Zum Beispiel beim Hochsprung. So wie jetzt bin ich noch nie gesprungen, auch der Weitsprung funktioniert super. Und beim Kugelstoßen konnte ich gleich im ersten Wettkampf persönliche Bestleistung fixieren. Ich bin einfach insgesamt stärker geworden. Bei der WM 2019 konnte ich durch die Verletzung leider nicht zeigen, was ich kann – aber ich kann heuer mehr als letztes Jahr!

Wie wären die vergangenen Monate unter „normalen“ Umständen verlaufen?

Von Anfang April bis Mitte Mai war ein sechswöchiges Trainingslager in Atlanta geplant, wo wir unter anderem mit meinem Weitsprung-Coach, dem Olympiasieger Dwight Phillips, versucht hätten, mein Training aufs nächste Level zu heben. Danach wäre ich Ende Mai beim Mehrkampfklassiker in Götzis und bei ein paar weiteren Wettkämpfen angetreten. Und am 26. Juli hätte es dann ab nach Japan gehen sollen.

Was hören Sie von Ihrem US-Coach über die Lage in den Staaten?

Leider dürfte die Situation in den USA um einiges schlimmer sein, als bei uns und es scheint der große Plan zu fehlen, wo es mit den Maßnahmen gegen Corona genau hingehen soll. Das erschwert natürlich auch den Sport extrem, was bedeutet, dass die Athletinnen und Athleten sehr viel alleine machen müssen. Deshalb sehen sie die Olympia-Verschiebung vielleicht noch entspannter als ich.

Wie sah Ihre offenbar sehr erfolgreiche Heimarbeit während des Lockdowns aus?

Als sich die Lage in der Woche vor dem 16. März zugespitzt hat, habe ich Hürden, Speere und einiges andere ins Auto gepackt, um daheim einigermaßen sinnvoll trainieren zu können, dazu gibt es im Haus meines Freundes Dario in Steyr eine perfekt eingerichtete Kraftkammer. Und es wurde ein spezieller Trainingsplan ausgearbeitet, zum Beispiel mit intensiven Bergläufen auf einsamen Forststraßen für die Standfestigkeit über die 800 m, Hürdentrainings auf der asphaltierten Gasse vorm Haus oder Sprungübungen auf den Schotterwegerln eines Parks gleich ums Eck’. Dort war ich dann zur Verwunderung der wenigen Spaziergänger sogar ein paar Mal Kugelstoßen.

Und bei einer Speerwurf-Imitation mit einem Ball wurde dem Vernehmen nach die Hausfassade zerschossen … 

Ja, da war es dann höchste Zeit für etwas Neues (lacht). Ich habe darauf hin einen Bauern kontaktiert, um zu fragen, ob ich auf seinem Feld Speerwerfen darf. Der war tatsächlich sofort begeistert. Dario hat mich beim Training am Acker gefilmt und die Videos zwecks Feedback an mein Trainerteam geschickt. Letztendlich hat alles super funktioniert. Trotzdem war ich froh, als wir Ende April wieder zurück auf die Tartanbahn durften. Besonders das viele Laufen auf Asphalt habe ich am Ende in den Gelenken gespürt. Gut, dass Dario auch ausgebildeter Masseur ist.

Wie groß ist Ihre Angst vor Corona?

Die ist für mich nur ein Thema, weil ich nicht will, dass meine Eltern, speziell mein leider schwer zuckerkranker Papa, Darios Eltern und viele andere Menschen in meinem Umfeld krank werden. Vor allem an meine Oma in Kroatien denke ich viel. Mir selber war und ist es wichtig die Abstandsregeln einzuhalten. Menschenansammlungen meide ich. Aber Angst habe ich keine. Bekäme ich die Krankheit selber, wär’s wohl einfach Pech.

Insgesamt wirken Sie sehr krisenfest. Das Resultat von mentalem Training oder einfach Ihr Naturell?

Ich denke, das bin einfach ich. Ich habe schon als Kind allerhand erlebt, darunter den Tod meines vier Jahre älteren Bruders Ivan, der mit 18 bei einem Motorradunfall mit 18. Ich weiß also, was wirklich schlimm ist im Leben und habe schon in jungen Jahren gelernt mit derartigen Situationen umzugehen. Mich wirft so schnell nix etwas aus der Bahn, und das macht mich wahrscheinlich auch im Sport zu dem, was ich bin. Mein großes Ziel ist einfach die Olympiamedaille! Dafür möchte ich das Maximum aus mir herausholen. Ich traue mir noch einiges zu und bin noch nicht dort, wo ich hinkommen kann. Irgendwann muss mir einfach auch ein Wettkampf aufgehen, wie anderen, und dann kracht’s!

Sie sind also beispielsweise mit ihrem Titel einer Hallen-Vizeweltmeisterin im Fünfkampf 2017 nicht wirklich zufrieden?

Doch, doch. Indoor war es schon sehr gut, aber draußen hat es für meinen Geschmack noch nicht so ganz richtig klick gemacht. 

Das heißt, die erreichte Punktezahl und die daraus resultierende Platzierung sollten im Siebenkampf künftig öfter „besser“ zusammenpassen?

Genau. Bei der EM 2018 konnte ich zwar einen damals neuen österreichischen Rekord (Anm.: 6552 Punkte) fixieren, bin damit aber „nur“ Vierte geworden. Damit kann ich nicht ganz zufrieden sein. Und über meine Muskelverletzung voriges Jahr bei der WM habe ich viel gegrübelt. Hab’ ich zu wenig getrunken, hab’ ich zu wenig geschlafen – letztlich bin ich zum Schluss gekommen, dass ich es einfach Pech war.

Nach ihrem Ausfall in Doha 2019, gleich in der ersten Disziplinen, dem Hürdensprint, hat dann mit Österreichs aktueller Rekordhalterin Verena Preiner ausgerechnet eine Landsfrau ihre WM-Medaille geholt. Wohl auch für Sie einigermaßen speziell, oder? 

Die Verena hat dort einen richtig guten Wettkampf hingelegt, im richtigen Moment voll zugeschlagen – das muss man erst einmal können – und sich Bronze wirklich verdient! Menschlich habe ich mich voll für sie gefreut. Sportlich gesehen musste ich aber halt draußen sitzen und zuschauen, wie die anderen um den Erfolg kämpfen konnten. 

In Österreich ist die Konkurrenz eben mit Preiner, der erst 20-jährigen Sarah Lagger bärenstark. Schätzen Sie das oder fühlen Sie sich als Vorreiterin in der Weltklasse bedroht?

Bedroht fühle ich mich in keinster Weise! Ich kann meinen Sport ohnehin nur für mich machen und vieles um mich sehr gut ausblenden. Ob die Verena ein Österreicherin oder eine Deutsche ist, spielt bei einem großen Wettkampf keine Rolle – dort treten wir als Einzelpersonen gegeneinander an. Insgesamt sehe ich die Situation als Vorteil. Wenn wir drei bei einem Meeting in Österreich am Start stehen, brauchen wir zur Standortbestimmung mittlerweile keine Gaststars aus dem Ausland mehr.

Zuletzt waren Sie auch in den sozialen Netzwerken höchst präsent. Allein auf Instagram folgen Ihnen deutlich über 170.000 Menschen. 

Und es werden ständig mehr, das ist unglaublich! Ich kriege oft tausend Nachrichten an einem Tag. Von supernetten, in denen Menschen beispielsweise schreiben, dass sie wegen mir motivierter beim Trainig sind, über Heiratsanträge, bis hin zu durchaus „verrückten“ von Leuten, die mir schon über Jahre praktisch täglich schreiben.

Kann dieser rege Zuspruch nicht nur Resultat Ihrer zahlreichen Online-Workouts oder Insta-Talks, sondern teilweise auch jenes mancher Fotos im knappen Leichtathletik-Outfit ist?

Teilweise sicher. Mein Freund, der mich ja auch managt, und ich suchen die Fotos gemeinsam aus und nehmen nur solche, mit denen ich mich wohl fühle. Für mich ist das an sich kein Problem, weil das ja meine Arbeitskleidung ist, in der ich auch in einem Stadion mit 80.000 Menschen herumrenne. Mir ist vor allem wichtig, dass man mich auf den Bildern eindeutig als Sportlerin erkennt. Aber natürlich werden darin manche Leute etwas anderes sehen wollen … 

Jedenfalls sind Social-Kanäle geeignete Tools, um auch Sponsoren ins Licht zu rücken. Sind bei Ihnen durch die von Corona ausgelöste Wirtschaftskrise eigentlich Existenzängste hoch gekommen wie bei vielen anderen Sportler*innen?

Durch die langfristig abgeschlossenen Verträge mit meinen Sponsoren und durch meine Anstellung beim Bundesheer als Heeresleistungssportlerin Gott sei Dank gar nicht! Corona hat im Gegenteil eher bewirkt, dass viele zusätzliche Anfragen hereingekommen sind. Tatsächlich ist während des Lockdowns sogar gelungen, einen neuen Partner aus der Lebensmittelbranche dazu zu gewinnen.  

Ihre Eltern sind Anfang der 1990er Jahre während des kroatisch-bosniakischen Krieges nach Österreich geflüchtet, Sie selbst in Wels geboren. Große Teile der Familie leben aber ungebrochen im kroatischen Küsten- und Urlaubsort Makarska. Wie sehen Sie die Situation dort?

Schon mit ein wenig Sorge um die Gesundheit meiner Oma und meiner Verwandten. Selbstverständlich braucht Kroatien den Tourismus dringend, aber Urlaub heißt halt für viele Gäste Halligalli machen und das birgt natürlich auch für die Bevölkerung dort Risiken. Trotzdem: Meinen Leuten geht es gut und ich hoffe, dass ich nach der Saison eine Woche zu ihnen fahren kann.

Zum Finale vom Urlaub in Dalmatien zurück zu jenem Job, den Sie im August 2021 in Japan erledigen wollen. Ihre persönliche Bestleistung lag zu Redaktionsschluss bei 6552 Punkten, bei den Spielen vor vier Jahren hat man mit 6653 Punkten Bronze gewonnen. Wo finden Sie die derzeit darauf fehlenden 100 Zähler?   

Mein Team und ich sind uns bewusst, dass für das große Ziel „Olympiamedaille“ wohl wieder zumindest 6600 Punkte nötig sein werden. Aber wir wissen, was ich kann. Addiert man heute meine Bestleistungen in den einzelnen Disziplinen und zieht dann wieder ein Bisserl etwas ab, weil es eher unwahrscheinlich ist, dass man in einem einzigen Siebenkampf sieben Bestleistungen liefert, dann kommt schon ein ordentliche Summe zusammen. Das Wichtigste ist aber, dass ich verletzungsfrei bleibe. Wenn das gelingt, kann mich in Tokio wahrscheinlich nur wenig stoppen!

Quick Facts zu Ivona Dadic:

Geboren: 29. Dezember in Wels; Größe: 1,79 m; Gewicht: 64 kg; Eltern: Danica und Nino Dadic; Lebensgefährte & Manager: Dario Glavas; Headcoach: Philipp Unfried; Größte Erfolge: Siebenkampf-Bronze bei der EM 2016, Fünfkampf-Silber bei der Hallen-EM 2017, Fünfkampf-Silber bei der WM 2018 

Instagram: www.instagram.com/ivona.dadic

PODCAST!!! Folge 8 von „Am Sportplatz“ mit IVONA DADIC

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