Spanische Städte weiter als Wien

Mein nachfolgendes Interview ist zuerst vor dem Internationalen Tag der Menschen mit Behinderung (3.12.2019) im Newsletter der Kleinen Zeitung Wien.memo erschienen.        Gratis zu abonnieren hier

Der Verein Bizeps unterstützt Menschen mit Behinderung dabei, sich ein möglichst selbstbestimmtes Leben zu organisieren. Zum morgigen Aktionstag sprechen wir mit Bizeps-Vorstand Markus Ladstätter über Wiener Barrieren aller Art.

Morgen findet im Parlament eine Mitarbeiter*innenschulung für den Umgang mit Menschen mit Behinderung statt. Dazu sollen Selbsterfahrungsübungen sensibilisieren. Wie sehen Sie derartige Aktionen?
MARKUS LADSTÄTTER: Sie setzen das Zeichen „Hallo, Menschen mit Behinderung sind auch Teil der Gesellschaft“. Schulungen können helfen, Berührungsängste abzubauen. Leute in einen Rollstuhl zu setzen und eine Rampe rauf und runter fahren zu lassen, halte ich hingegen für grenzwertig. Die Realität lässt sich dabei nicht nachempfinden. Wenn man im Rollstuhl sitzt, geht es um physische und gesellschaftliche Barrieren. Und um die Langzeitaussichten.

Wie steht es in Wien mit dem Bewusstsein um die Bedürfnisse?
Bei den baulichen Barrieren hat sich in den letzten Jahren durchaus einiges getan. Vor meiner Matura im Jahr 2001 konnte ich z.B. noch keinen Bus verwenden und deshalb nicht eigenständig zur Schule fahren. Bald danach sind dann die Busse mit Rampen ausgestattet worden. Das Bewusstsein der Leute hat sich sicher ebenfalls geändert. Auch weil Menschen mit Behinderung heute medial viel präsenter sind. Gefühlt ist man aber etwa in spanischen Städten weiter.

Wie viel würde z. B. ein gemeinsamer Schulalltag beitragen?
Leider sind immer noch sehr viele behinderte Kinder nicht in Regelschulen. Dabei gibt es seit 2008 die UN-Behindertenrechtskonvention, die ja de facto die Abschaffung von Sonderschulen fordert. Trotzdem bestehen weiterhin zwei großteils komplett getrennte Systeme. Die Kinder sind separiert, lernen sich nicht kennen. Letztlich entsteht auch keine Chancengleichheit in Sachen Bildung. Dass es jemand aus der Sonderschule bis an die Uni schafft, ist deshalb ganz selten.

Wie weit ist Wien sonst in Sachen Barrierefreiheit?
Leider hört man immer noch „Muss wirklich alles barrierefrei sein?“. Bei Um- und Neubauten bestätigen manche Architekten auf Plänen die Barrierefreiheit, in der Realität fehlen dann aber nicht selten die Rampen – baupolizeilich kontrolliert wird da nicht immer. Außerdem hat sich die Stadt Wien die Übergangsfrist für das Behindertengleichstellungsgesetz von 2006, das u.a. die verpflichtende Barrierefreiheit von öffentlichen Gebäuden vorsieht, von 2016 auf 2042 verlängert.

Neuralgisch ist der Öffi-Verkehr. Wie kommen Sie im Rollstuhl durch Wien?
Unterschiedlich. Die Busse sind eben barrierefrei. Bei der Bim sieht man via App, wann eine der modernen Garnituren einfährt, in die man reinkommt. Schwierig ist es in der U-Bahn. Die alten Züge, also mehr als die Hälfte, passen meist nicht zur Höhe und zum Abstand der Bahnsteige. Man kann deshalb nicht reinfahren und muss auf einen der neuen Züge warten. Im Gegensatz zur Straßenbahn lässt sich aber nicht feststellen, ob ein alter oder ein neuer kommt. Angeblich ist das technisch noch nicht möglich. Die Dauer einer Fahrt lässt sich so nicht wirklich planen.

Barrierefreiheit und Bildung – was ist Ihnen zum Gesprächsfinale noch wichtig?
Chancengleichheit am Arbeitsmarkt! Es darf nicht sein, dass man nach einer Bewerbung mit gleicher Qualifikation von einem Vorstellungstermin wieder ausgeladen wird, wenn eine Behinderung zur Sprache kommt. Dazu sind die Ausgleichszahlungen, die Betriebe leisten müssen, wenn sie keine Behinderten beschäftigen, deutlich zu gering. Und man soll die Mitarbeiter*innen in den Behindertenwerkstätten, deren Erzeugnisse verkauft werden, ordentlich anstellen.

Zum Verein Bizeps

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