Wozu die Nacht gut ist

Bevor es jetzt dann doch hell wird, schnell zu dem, wofür der lichtschwächere Tagesteil eigentlich weniger gut oder gar nicht taugt.

– Sex: Wenn er sich zu ausgeruhter Stunde ergibt, ist die Chance auf harmonisch verteilte Leidenschaft größer, weil nicht immer einer in Wahrheit zu müde ist. Tennisspielen geht auch keiner um Mitternacht. Für die Erfüllung eines etwaigen Kinderwunsches dürfte die Uhrzeit eine eher untergeordnete Rolle spielen.
– Arbeit: Wer tagsüber schon geschuftet hat und dann auch noch regelmäßig nächtens ran muss, macht was falsch oder wird vom Dienstgeber verarscht. Logische Ausnahmen: Berufe, die Schichtbetrieb erfordern und jene, die zusätzlich angenommen werden müssen, weil ein Job allein zum Leben nicht mehr reicht.
– Trinken: Weil sich ein paar Glaserln mehr doch störender auf den Folgetag auswirken, als wenn man diese noch in der Dämmerung hebt.
– Reden: Siehe Sex.
– Radfahren: Weil man Nachts eher von Autos angefahren wird.
– Autofahren: Weil man Nachts eher Radfahrer anfährt. Gänzlich unbeleuchtete Fußgänger sowieso.
– Tennisspielen: Weil man draußen vielfach weder Ball, noch Netz noch Linien geschweige denn Partner oder gar Gegner sieht und sich für drinnen ab einer gewissen Stunde (22 Uhr) sowieso kaum weder der eine noch der andere auftreiben lässt.

Was können sie dann also so Besonderes tun für uns, die dunkelsten Stunden? Die Antwort ist einfach: Sie bringen uns Zeit mit uns selbst. Wer gelernt hat, mit dem Mangel an Talent zum Durchschlafen ruhigen Herzens zu leben, statt dran zu verzweifeln, kann Genüsse ernten, die dem Schlafenden verwehrt sind.
Wer etwa dem ruhigen Atem seines geliebten Partners folgen und diesen vertrauten Takt aufnehmen kann, darf eine Innigkeit, einen Gleichklang wahrnehmen, der im zerorganisierten Alltag meist kakophonisch zerhackt wird. Denkt man aber mit diesem wohligen Soundtrack im Ohr nach über Problemberge, welche sich Stunden zuvor noch in himalayischer Höhe vor einem aufgetürmt hatten, so spaziert das Hirn Nachts oft einfach im Messner-Modus drüber.
Wer jemals sein schlafendes Kind beobachtet hat, wird einen Frieden und eine Liebe spüren, die tagsüber beide nicht selten von der eigenen Unzufriedenheit und Ungeduld gefiltert und gestört werden. Vorauseilende Sorge wird dann von ungetrübter Vorfreude aufs Aufwachen und Losplappern der Lendenfrucht verblasen.
Und was für ein Genuss ist es, im Dunkeln noch einmal in seinen alten Lieblingsfilm oder aber auch in einen noch gänzlich neuen zu kippen? Wie genau hört man hin, wenn man sich der Musik wirklich ungestört hingeben darf – ohne schlechtem Gewissen, anderen entweder die eigene Geräuschkulisse überzustülpen oder sich per Kopfhörer asozial abzukoppeln? Um wie viel mehr liest man aus einem Buch, von einem Bildschirm, wenn er der einzig helle Fleck im Dunkeln ist?

Die Antwort auf all diese Fragen ist wie schon gesagt einfach: Es ist die Nacht, die unserem Selbst jene Trainingszeit schenkt, welche es manchmal braucht, um nicht zu erschlaffen unter dem permanenten Druck, zu funktionieren. Die Nacht gehört einem ganz allein und wer versteht, sie lauter zu nutzen, dem ist dies von niemandem zu verübeln.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s